Die uralte Schuld

 



 




Am Anfang war das Licht

Das Licht sind Wesen, die keiner Zeit angehören.

Sie existieren neben der Zeit.

Niemand weiß, wer sie sind oder einmal waren.

Sie werden das „Licht des Ursprungs“ genannt .

Manche nennen sie Götter, aber für viele ist es eine bloße Legende.

Eine von vielen in Sternenland.

Es heißt, die Lichter erschufen ganz Sternenland mit all seinem Leben.

Jeder von uns trägt ein Licht in sich

und bei manchen ist es stärker, als bei anderen.

Das erklärt auch wohl, warum wir immer wieder geboren werden.

Denn wir können erst in das Licht eingehen,

wenn wir unsere Bestimmung gefunden und erfüllt haben.

 

Viele Jahrtausende herrschte das Licht in Sternenland,

aber bald begannen sich Schatten vom Licht zu lösen.

Böse, hasserfüllte Schatten mit nur einem Ziel,

ganz Sternenland zu zerstören.

Die großen Könige der vereinten Völker

flehten die Lichter an, ihnen zu helfen, denn die vereinten Völker

hatten der alten Magie der Schatten nichts entgegen zu setzen.

Es war ein langer erbitterter Krieg.

Ein Krieg zwischen Licht und Schatten.

Ein Krieg der alten Magie.

Die Lichter schafften es, die Schatten am Rand von Sternenland,

in der Nähe vom See der tausend Seelen, einzusperren.

Sie schufen eine magische Barriere um das Tor.

Danach erschienen die Lichter Sternenland nur noch ein einziges mal.

Hoch oben am Himmel, wo sie das ganze Sternenland hören und sehen konnte. Sie hatten viel von ihrem alten Glanz verloren.

Stellenweise klafften große schwarze Löcher in ihnen

und als sie zu sprechen begannen, war es,

als ob Tausend Stimmen gleichzeitig sangen.

 

Wir, die Lichter, sind auf  euer Flehen eingegangen

 und haben die Schatten verbannt.

Doch wir mussten viel von der alten Magie gebrauchen,

so dass wir nun leer sind.

Und doch wird die Barriere die Schatten nicht für immer aufhalten.

Wir, die viele sind, können euch nur noch helfen,

wenn ihr eure Schuld begleicht.

Findet Schattenauge, ein Wesen der alten Magie,

entstanden aus der Mutter des Lichts und  dem Vater der ersten Magie.

Ihr Blut wird das Tor endgültig schließen und uns zu neuer Stärke verhelfen.

 

Seit dem Tag hatte man die Lichter nie mehr in Sternenland gesehen.

Die Krieger des Lichts begaben sich sofort auf die Suche.

Seitdem sind viele tausend Monde vergangen.

 




Geschrieben von Tiam
     am silbernen Fluss

 

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Der Besucher

Der Garten riecht nach Oleander und wildem Jasmin, gemischt mit dem schweren süßen Duft des Mauerampfers. Die Nacht ist eine jener Nächte, die einen träumen lassen. Sie ist erfüllt von elektrisierendem Knistern. Der Vollmond erhellt die Nacht auf magische Weise mit seinem weißen, fließenden Schein. Die Glühwürmchen tanzen zwischen dem weißen Licht des Mondes und dem dunklen Schatten des Oleanderbaumes. Sie fliegen in einer Reihe. Dann brechen zwei aus und tanzen, um sich selbst drehend, zum Schein des Mondes, bis sie schließlich zum Oleanderbaum zurück fliegen. Ja, sie sehen wirklich aus, wie Tänzerinnen auf einem großen Ball.

 
Es ist eine warme, windstille Nacht und eigentlich zu warm für Ende Mai. Ich genieße die Stille der Nacht, wären da bloß nicht meine streitenden Nachbarn. Eigentlich sind sie immer am Streiten, außer wenn sie arbeiten. Ja, arbeiten ist das richtige Stichwort. Soll ich mein restliches Leben in einer alten Kanzlei verbringen, nicht vor 23 Uhr nach Hause kommen und kein Privatleben haben? Und dann sind da auch noch die zwielichtigen Klienten, deren Fälle mich bis in meine Träume verfolgen.

Manchmal möchte ich einfach nur raus, einfach verschwinden...

 

„Schattenauge“

Was war das? „Hallo? Ist hier jemand? Hallooo?“ Ich glaube ich muss einfach mal ausschlafen. Zu viel Arbeit ist eben nicht so gut.

 

„Schattenauge“

„Was soll das?“ „Wer sind Sie?“ Mein Herz schlägt so sehr, dass ich Angst habe, das es jemand hören kann.

„Schattenauge, die Schuld muss beglichen werden.“

„Finden Sie das witzig? Zeigen Sie sich! Treten Sie ins Licht!“

„Schattenauge, ich aber komme aus dem Licht.“

„Was soll der Blödsinn? Sie verwechseln mich. Ich heiße Sally. Verschwinden Sie oder ich verständige die Polizei!“

„Viele Monde sind vergangen, Schattenauge. Und doch habe ich dich in allen Welten gesucht und hier wiedergefunden.“

 

Was soll das? Ich kann mich nicht bewegen. Mein Kopf... Es fühlt sich an, als ob jemand damit Backsteine teilen will.

„Schattenauge, sieh her! Folge meiner Stimme!“

Diese Schmerzen! Ich will alles aus mir raus schreien, aber warum kann ich nicht schreien? Ich kann noch nicht einmal reden. Kein Ton kommt über meine Lippen.

„Du darfst dich nicht wehren, Schattenauge! Komm mit uns!“

Es tut so weh. Es fühlt sich an, als ob heiße Lava durch meine Adern fließt. Ich verbrenne innerlich. Warum bin ich nicht fähig zu handeln? Ich, ich muss weg hier! Was ist das?

 

„Sieh mich an, Schattenauge! Lass dich von der Magie leiten! Füge dich ihr!“

Mitten auf dem Feld steht ein Mann, von schwarzem Nebel umgeben. Nur, das es kein Nebel ist. Das Schwarz ist leer, als ob da nichts existiert und doch steht er da. Um ihn herum schlagen Blitze und große, bedrohliche Feuerbälle ein.

Ich kann sein Gesicht nicht sehen. Er ist in einen schwarzen Kapuzenmantel gehüllt, der sich trotz des schweren Sturms nicht bewegt.

Was macht er da?

Er streckt die Handflächen nach oben Richtung Himmel, oder dem ,was einmal Himmel war. Jetzt ist es nur noch ein großes, schwarzes Loch mit Blitzen und Feuerbällen. Ein Blitz schlägt in seine Handfläche ein. Erst einer, dann immer mehr. Es müssen Tausende sein.

 

„Mach dich bereit, Schattenauge!“

Aaaah! Ich muss mir die Ohren zuhalten. Es ist so schmerzhaft! Wo kommt all das Blut her? Von mir? Kann das sein?

Violette Augen

Ich kann nicht. Meine Beine versagen. Der traumlose Traum kommt. Bereitwillig lasse ich mich hineingleiten bis die Bewusstlosigkeit mich einnimmt.

 

 

Schattenauge, wie viele Monde habe ich dich gesucht, aber was ist das? Soll das Schattenauge sein? Ich weiß, dass ihre Seele immer wieder geboren wird und ich weiß auch, dass dies in anderen Welten geschieht, um sie vor den Schatten zu schützen, aber in einem menschlichen Körper, der alt wird und stirbt? Wie kann das nur sein? Und auch optisch hat sie nichts mit einer Kriegerin gemeinsam.

Ihre langen, roten, gelockten Haare reichen ihr bis zur Hüfte. Die katzenförmigen, smaragdgrünen Augen sind weit aufgerissen. Das schwarze, spitzenbesetzte Nachthemd bildet einen guten Kontrast zu ihrer alabasterfarbenen Haut. Ihr Hemd ist leicht verrutscht, so dass es einen Blick auf ihre festen Brüste zulässt. Ihre rosigen Knospen haben sich aus der Spitze gelöst und strecken sich fordernd empor. Auch die weißen, festen Schenkel liegen frei. Ihr voller weicher Mund ist leicht geöffnet.

Zwar habe ich schon viel von Menschenfrauen gehört, aber dass sie solche Empfindungen wecken können wusste ich nicht. Ja, sie hat mit einer großen Kriegerin nichts gemeinsam. Eher mit einer Sirenensängerin aus lang vergessenen Zeiten.

 

„Hey Elias, was stehst du so lange da rum? Nimm Schattenauge und komm! Ich kann das Tor nicht mehr lange offen halten!“

Ich muss mich zurück halten. Ein Krieger des Lichts darf solche Gefühle nicht haben. Verfluchtes Menschenweib!

„Ja Ta’ak, mach dich bereit. Ich komme.“

Sie ist so leicht und so zerbrechlich. Ich muss aufpassen, dass ich ihr nicht etwas breche, denn zum Schloss Morgenstern muss ich sie tragen. Ob sie sich bewusst ist, welche Macht in ihr ruht. Schattenauge hat nicht einen Kratzer abbekommen, aber wieso hat sich ihre Macht noch nicht gezeigt? Hat Schattenauge am Ende alles und sich selbst vergessen?

 

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Die Liebenden

 

Es heißt, Liebende erschufen die Legenden,
aber sind es wirklich Liebende oder die Folgen,
die aus ihrem Handeln entstehen.

Die älteste und reinste Form der Magie ist die Liebe.

Es sei sogar die erste und mächtigste Form,

aber sie kann auch zugleich die zerstörendste von allen sein.

Drum gib gut acht.

Sie wird dein Denken und Handeln lenken.

Wenn du dich doch auf das Spiel einlässt,

 wird sie ihre schlanken Finger um dein Herz legen.

Sie wird es zärtlich liebkosen

und es dir im nächsten Moment herausreißen.

Denn bedenke, für sie existiert kein Schwarz und Weiß,

Licht oder Schatten, Gut und Böse.

Sie wird dich hinterrücks überfallen und dann gehörst du ihr

mit jeder Faser deines Körpers.

 

Deswegen überlege gut, was dich zu deinem Handeln bewegt.

 

 

Geschrieben von  Tiam

am silbernen Fluss

 

 

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Schloss Morgenstern

 

Mein Kopf dröhnt. Jeder Knochen in meinem Körper schmerzt. Ich kann nicht richtig atmen. Es ist, als ob ein riesiger Stein auf meiner Brust liegt.

Von irgendwoher  kommen zwei Stimmen. Eine rau und tief, die andere ist glockenhell, fast wie Gesang.

Ich versuche die Augen zu öffnen, um den Stimmen die jeweiligen Gesichter zuzuordnen,  aber sofort durchzucken mich Schmerzen, wie tausend Messerstiche.

Die raue Stimme scheint näher zu kommen. Ich merke, wie etwas kühles meine Stirn benetzt und sofort entspannt sich mein ganzer Körper. Ich sinke wieder in einen traumlosen Schlaf und diesmal lasse ich mich bereitwillig hineingleiten...

 

 

Als ich gerade in das Zimmer trete, um nach Schattenauge zu sehen, treffe ich Ba’at den Heiler an.

„Ba’at, mein alter Freund. Wie geht es Schattenauge?“

„Sehr schlecht Elias. Sie braucht viel Ruhe. Die Reise hat sie beinahe getötet.  Ach Elias, schön dass du wieder da bist. Die Königin möchte dich sprechen, sie ist im großen Saal. Ich werde dir berichten, sobald es etwas Neues von Schattenauge gibt.“

„Danke Ba’at!“

 

Eigentlich hat sich Ba’at nicht verändert. Man sieht sofort, dass er ein Gallwin ist. Die violetten Augen sind unverkennbar. Das einzige, was verrät, dass nicht nur Gallwinblut in seinen Adern fließt, sondern auch Lamurinblut, ist sein grauwirkender Körper, der von  unzähligen Narben übersäht ist.  Sie erzählen von den vielen Schlachten, die er früher geschlagen hat, bis er sich ganz der Heilkunst hingab.

Während ich, mitten im Raum stehend, über meinen alten Freund nachdenke, muss er gegangen sein, denn als ich gerade noch etwas sagen will, blicke ich auf und merke, dass er nicht mehr da ist.

Langsam drehe ich mich zum Bett um. Der Vorhang ist gründlich zugezogen, so dass ich Schattenauge nicht sehen kann. Vielleicht ist es besser so.

Da es für mich hier nichts mehr zu tun gibt, begebe ich mich durch die lichtdurchfluteten Gänge in Richtung  des Thronsaals.

 

Jedes Mal, wenn ich vor dem Thronsaal stehe, verschlägt es mir den Atem. Mit seinen dreimannshohen, aus Elfenbein geschnitzten Flügeltüren mit unzähligen Ornamenten, die von der Schlacht der Lichter erzählen. Gut bewacht von zwei Lamurinkrieger, die als die Besten im Klingenkampf gelten. Ohne ein Wort zu sagen öffnen sich die Flügeltüren. Dahinter liegt der hellerleuchtete, elfenbeinfarbene Thronsaal. Alle drei Meter hängen lange, geschwungene, silberne Fackeln. Die Wände sind von Efeu überrangt. Dazwischen fließen Wasserfälle herunter, die durch den warmen Fackelschein einen leichten goldenen Schimmer haben und jeweils in einem gläsernen Becken enden. Am Beckenrand schlängeln sich Eisblumen ihren Weg. Vom Becken aus führen unzählige, stecknadelbreite Flüsse in die Mitte des Thronsaals und enden in einem, von Eisblumen überwucherten, silbernen Becken. Um das Becken herum stehen in weißen Stein gemeißelt, die Namen der vereinten Völker.

 

 

Liander – das Volk der Winde

Gallwin – das Volk der Krieger

Lamurin – das Volk der Schwertkünste

Eudinas – das Volk des Waldes.

 

Links und rechts eingerahmt von zwei, aus Stein gemeißelten Schlangen, die die vereinten Völker beschützen.

Mittendrin der gläserne Thron mit Königin Eowein. Ihre weißen dichten Haare umrahmen perfekt ihr zierliches Gesicht, wodurch ihre großen ,tiefblauen, fast schwarz wirkenden Augen, nur noch besser zur Geltung kommen. Um ihren durchscheinenden, leicht bläulich wirkenden Körper trägt sie ein enges, wolkenweißes Kleid, was ihren schlanken Körper betont. Über ihr das runde, offene Dach des Thronsaals , welches den so vertrauten Sternenhimmel preisgibt. Dort, wo das Sternenlicht auf Eoweins Haut fällt, scheint sie leicht zu funkeln. Sie ist so leicht und zierlich, dass man denken könnte, sie schwebe. Kaum zu glauben, wie viele Schlachten sie angeführt hat und wie vielen Lebewesen diese schlanken Finger den Tod gebracht haben.

 

„ Elias, wie ich höre habt Ihr Eure Reise erfolgreich beendet.“

„Ja, meine Königin.“

„Ba’at war hier und hat mir Bericht erstattet. Auch von dem Zustand, in dem sich Schattenauge befindet. Ruht Euch aus! Ihr habt eine lange Reise hinter Euch. Wir haben später noch genug Zeit, um zu reden.“

„Verzeiht, meine Königin, aber mir geht eines nicht aus dem Kopf. Ich.. Ich meine Schattenauge ist so ein mächtiges Wesen. Wie kann sie.. Also ich meine wieso ist sie..“

„Als Mensch wiedergeboren, meinst du?“

„Ja, das verstehe ich nicht. Unter all den Wesen, in all diesen Welten. Warum gerade als Mensch? Sie wird altern und sterben. Sie ist zu verletzlich für diese Reise!“

„Sie ist nicht nur Mensch. Was in ihr ist, muss erst erweckt werden. Außerdem waren wir, wie du weißt, den Menschen nicht ganz ungleich. Jeder ist das, was das Schicksal für ihn vorgesehen hat.“

„Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass sie das schafft. Sie wird uns auf unserer Reise nur aufhalten!“

„Elias, ein Krieger des Lichts, stammt aus der alten Zeit der Lichter und doch lässt du dich von deinem Verstand trügen. Was sagt dir dein Gefühl?“

„Ich bin ein Krieger. Gefühle haben da keinen Platz!“

„Und doch sind sie es, die dein Schicksal bestimmen.“

„Aber was sagen die Sterne über mein Schicksal, meine Königin?“

„Elias, sie sagen nicht mehr oder weniger als das, was ich dir gesagt habe. Eines soll ich dir mit auf den Weg geben. Merke es dir:

Marusch tapei Tulei, ejeij Dawei dinei, numei sideij tu wei  Laduwein a much fachim, luan die mach echin, dewin a wein. Das bedeutet: ‚Liebe, was sich zu lieben lohnt!’ “

„Königin, verzeiht mir. Was soll ich damit anfangen? Was bedeutet es für mich?“

„Es bedeutet das, was du daraus machst, mein lieber Elias.“

Langsam schüttele ich den Kopf und beobachte Eowein. Ihre Lippen umspielte ein kleines, kaltes Lächeln und die schwarzen Augen sind zu bedrohlichen Schlitzen geworden. Mit einer tiefen, bedrohlichen Stimme, die von den Wänden des Thronsaals widerhallt,  sagt Eowein:

„Wer sind wir denn, Elias, wenn wir unser Schicksal nicht annehmen? Wir wären nichts anderes als ein Schatten unserer Selbst. Verhöhne niemals mehr das Schicksal, egal wo du bist. Aber vor allem nicht in meiner Gegenwart!“

Stumm sehe ich zu, wie ihre Gesichtszüge sich entspannen und sofort hat Eowein das zarte, kindliche Gesicht, wie bei meinem Eintritt in den Thronsaal ,wiedererlangt.

„Entschuldigt, Königin Eowein, ich werde es mir gut merken!“

„Gut Elias, mein alter Freund. Nun lasst mich bitte allein. Ich werde den Rat der Könige einberufen. Ich muss sofort nach ihnen schicken lassen, denn ihre Reise hierher dauert meist lange. Ich werde dich rufen, sobald der Rat eingetroffen ist.“

„Ja, Königin. Ich werde in der Nähe von Schattenauges Zimmer sein.“

Mit einem stummen Nicken verabschiede ich mich und verlasse wortlos den Thronsaal.

 

Ziellos gehe ich durch die endlosen Gänge und sehe den Gnomen bei der Arbeit zu, bis ich schließlich an den langen, geschwungenen Treppen zum Schlossgarten stehen bleibe. Es hat sich nichts verändert. Der Goldregen steht in voller Blüte und verbreitet seinen herrlich süßen Duft. Dazwischen die vielen Gärtner, die eifrig in den Kräuterbeeten zupfen. Wahrscheinlich wird es in vielen tausend Monden noch so aussehen. Die Zeit scheint hier still zu stehen. Man könnte glatt vergessen, dass uns die letzte Schlacht bevor steht, bei der wir siegen oder für immer vernichtet werden. Denen, die überleben ,steht dann viel Schlimmeres bevor.

Eigentlich merkt man die Zeit des Umbruchs nur an dem riesigen Ansturm von Bewohnern, die aus allen Ecken von Sternenland kommen und Schutz in der Nähe des Schlosses suchen. Aber auch dies wird bald keinen wirklichen Schutz mehr bieten.

Dann mache ich mich mal auf den Weg in mein Zimmer. Die Reise war doch etwas anstrengend. Ruhe wird mir gut tun.

 

Am nächsten Morgen werde ich von lautem Gebrüll und polterndem Wachengeschrei geweckt. Sofort nehme ich mein Krummschwert, stürze aus meinem Zimmer und renne in Richtung Gebrüll. Meine Gedanken rasen nur so. Haben sich etwa meine schlimmsten Befürchtungen bewahrheitet? Sind die Schatten schon da? Haben sie uns im Schutz der Nacht überwältigt?

Aber als ich an der Quelle des Kampfgeschreis ankomme blicke ich mich verwundert um. Ich stehe vor dem Zimmer von Schattenauge, wo gerade eine blutüberströmte Gnomfrau aus dem Zimmer stürmt und mit wilden Verwünschungen im Gang verschwindet. Vier weitere Wachen stehen vor der Tür und wagen es nicht, das Zimmer zu betreten. Von drinnen ertönt eine schreiende und fluchende Frauenstimme, die von Lia, vom Volk der Winde, stammt.

 

Als ich in das Zimmer trete, muss ich unwillkürlich grinsen. Das ganze Zimmer ist zerstört und mittendrin Schattenauge, die mich mit wütend funkelnden, grünen Augen ansieht. Ihre langen, roten Haare fallen ihr zerzaust um die Schultern. Es ist ihr wohl nicht bewusst, dass sie ein halbdurchsichtiges Seidennachthemd trägt. Im Würgegriff hält sie die stolze Kriegerin Lia, an deren Hals sie ein Klappmesser hält.

Sie muss Lia überrumpelt haben, sonst hätte Schattenauge nicht den Hauch einer Chance gehabt.

„Steh da nicht so rum und grinst wie ein Ochse! Hilf mir lieber Elias!“

Abschätzend beobachten die vom Hass erfüllten Augen jede meiner Bewegungen.

Mit einem Satz bin ich bei Schattenauge und entreiße ihr Lia, die dabei mit einem lauten Krachen gegen die Wand fliegt. Was ihre Situation nicht gerade verbesserte, denn wie gesagt, das Volk der Winde sind sehr stolze Krieger und darauf bedacht, es jeden in jeder Situation merken zu lassen, dass sie sich für besser halten.

Verzweifelt versuche ich Schattenauge festzuhalten, doch sie windet sich wie ein Aal. Sie brüllt, kratzt und beißt, schlägt und tritt um sich. Mit einem Ruck werfe ich sie aufs Bett, wobei sie mir das Gesicht zerkratzt. Mit meinem ganzen Körpergewicht drücke ich sie nieder. Dabei fällt mir ihr süßer, blumenähnlicher Duft auf. Mit ihrem wild zerzausten, rotem Haar und ihren funkelnden grünen Augen sieht sie aus wie eine stolze Raubkatze, die gefangen wurde und einsehen muss, dass sie verloren hat.

Ihr Atem geht stoßweise und in ihren Augen lese ich, dass der Kampf noch nicht vorbei ist, auch wenn sie sich jetzt erst mal ergeben muss.

Sofort eilt Ba’at herbei und gibt ihr etwas zur Beruhigung. Erst als ich merke, wie sich ihr Körper unter meinem entspannt und ihre Augen schwer werden, lasse ich von ihr ab.

Grinsend wende ich mich zu Ba’at: „ So fängt ein guter Morgen an! Ich werde jetzt in mein Zimmer gehen und mich ankleiden.“

Mit einem stummen Nicken wendet sich Ba’at wieder Schattenauge zu.

Als ich mein Zimmer betrete, liegen meine Sachen schon bereit. Eine Waschschale ist mit frischen Quellwasser gefüllt. Auf dem Tisch steht Rehbraten mit rotem Wein. Als ich angekleidet und gestärkt bin, mache ich mich auf den Weg zum Thronsaal.

Sofort muss ich grinsen, wenn ich an das ängstliche Gesicht von Lia denke. Bestimmt hat sie sich wieder hergerichtet und ihre hochnäsige Haltung eingenommen.

 Aber Moment..

Wenn Lia da ist, dann muss der Rat der Könige eingetroffen sein.

 

 

Wieso kann ich mich nicht bewegen? Ich bin gefesselt. Sofort versuche ich mit aller Kraft an den Fesseln zu ziehen, bis ich schließlich erschöpft ins Bett zurück sinke und aufgebe.

Das Zimmer, in dem ich liege, ist cremefarben. Die große silberne Tür scheint nur angelehnt zu sein. Der leicht durchsichtige, lavendelfarbene Vorhang ist aufgezogen, so dass ich den runden, mit Ornamenten verzierten  Balkon sehen kann. Von draußen kommt Stimmengewirr und der Duft von den riesigen Lavendelfeldern, die man von hier aus gut sehen kann. Es muss bestimmt schon Mittag sein, so hoch wie die Sonne am Himmel steht.

In der Mitte des Zimmers steht ein großer, ovaler, silberner Spiegel.  Auf dem dazu passenden Waschtisch befinden sich unzählige Karaffen und Tiegelchen mit einem trockenen, gebundenen Strauß Lavendel.

Schritte nähern sich der Tür und sofort stelle ich mich schlafend.

„Guten Morgen, oder wie man bei uns sagt: Liang ma duch. Wünsche wohl geruht zu haben, Schattenauge. Ich bin Ba’at, Hüter des Tages, auch Heiler genannt. Du kannst dich natürlich weiter schlafend stellen, dann kann ich mich nämlich wieder meinen Kräutern widmen. Aber dadurch lösen sich deine Fesseln nicht und deine Fragen werden auch nicht beantwortet. Ich habe Besseres zu tun, als neben einer Schlafenden zu sitzen!“

 

Als ich die Augen öffne, steht vor mir ein etwa 1,80m großer Mann mit langen, weißem Haar und violetten Augen. Seine Haut hat einen Grauschimmer und sieht irgendwie unregelmäßig aus. Erst beim genaueren Hinsehen erkenne ich, dass es unzählige Narben sind. Aber er hat ein einnehmendes, warmes Lächeln. In seinen großen Händen hält er einen kleinen, silbernen Schlüssel und schließlich bekomme ich ein kleines, krächzendes „Hallo!“ zu Stande.

„Hallo. Hab keine Angst. Ich werde jetzt deine Fesseln öffnen, aber nur, wenn du mir versprichst keinen Ärger zu machen!“

„Ja, ich verspreche es!“, und im selben Moment merke ich, wie die Fesseln sich öffnen und verschwinden. Aber Ba’at hat sich dabei nicht von der Stelle bewegt. Wie kann das sein?

„Mit Magie, Schattenauge.“ 

‚Woher, ich meine, wie weiß er, was ich denke?’

„Das ist in deiner Situation nicht schwer zu erraten, Schattenauge. Aber jetzt kommen erst mal ein paar Helfer. Sie bringen Essen und Trinken und werden dir beim Einkleiden helfen. Ich komme später wieder, dann beantworte ich dir alle Fragen.“ 

Mit einem Augenzwinkern und einem äußerst amüsierten Grinsen wendet er sich von der Tür aus noch einmal zu mir um und sagt:             „ Aber bitte sei diesmal doch ein bisschen netter!“

Was meint er damit? Diesmal? War ich schon einmal hier und wieso nett? Ich verstehe das alles nicht!

Ich muss weg, aber wohin? Überall stehen Wachen. Woher komme ich? Bin ich Sally oder Schattenauge. Die Dinge, die ich sehe kann ich benennen, Gefühle und Sinneseindrücke beschreiben, aber wer ich wirklich bin, dass kann ich nicht sagen.

Mir kommt vieles bekannt und vertraut vor, obwohl ich es in meinen Träumen irgendwie anders sah. Geträumt habe ich immer von Sternenland, doch nie habe ich geglaubt, dass das irgendwas mit mir zu tun hat. Noch nicht einmal an die reale Existenz von Sternenland habe ich geglaubt.

An einen Kampf mit Lia ( ich weiß nicht, warum ich ihren Namen kenne) kann ich mich nur vage erinnern. Ich spürte nur, dass sie da ist, mit dem gemischten Gefühl von Gefahr und Hass. Ich muss wohl ausgerastet sein.

Ich weiß, dass ich einmal jemand anderes war, vor lang vergessenen Zeiten. Ich spüre es und mein Körper fühlt sich fremd an. Ich fühle mich fremd an und zwischendurch kommen Erinnerungen, wild und durcheinander gewürfelt, so dass ich sie nicht deuten kann.

Verdammt noch mal, was soll der Blödsinn. Ich weiß genau, wer ich bin. Ich heiße Sally Mayer, wohne in der Aschestr. 4, bin 26 Jahre und Anwältin. Ich muss die ganze Sache wie einen Fall angehen. Erst Informationen sammeln, dann der Gegenschlag und schließlich der sichere Rückzug. Ja, erst mal werde ich mitspielen und dann mache ich mich aus dem Staub.

Plötzlich werde ich aus meinen Gedanken gerissen. Die große, schwere Eisentür geht auf und sechs sogenannte Gnomfrauen kommen laut schnatternd auf mich zu gewatschelt. Alle reden durcheinander, so dass ich nichts verstehen kann. Sie entkleiden mich, schieben mich in Richtung Waschwanne und reiben mich mit Ölen ein. Ich versuche sie alle weg zuschubsen.

„Ich kann das alleine!“, schreie ich ihnen entgegen, aber als ich den Satz beendet habe, bin ich völlig angekleidet und rieche wie ein Blumenfeld. Selbst meine Haare sind trocken, wofür ich allein immer gefühlte drei Stunden brauche!

Mit einem Nicken verabschieden sie sich und zeigen noch auf das Tablett mit Essen.

Erst als ich das Tablett mit Essen sehe merke ich, wie mein Magen sich schmerzhaft zusammen zieht. Sofort stürze ich mich auf das Tablett, das mit Weintrauben, Käse, verschiedenen Fleischsorten, Brot und Wein gefüllt ist. Ich stopfe alles in mich hinein und zum Schluss leere ich mit einem Zug den schweren Weinkrug.

Es muss ausgesehen haben, wie ein Schwein, dass seit Monaten nichts zu essen bekommen hat.

Schon wieder klopft es an der Tür. 

‚Sei freundlich, Sally. Spiel mit, nur so kommst du hier raus!’ , sage ich zu mir selbst.

 

„Ja bitte!“

„Hallo Schattenauge. Wie ich sehe bist du angekleidet.“

„Das bin ich Ba’at.“

„Möchtest du dir etwas die Beine vertreten? Gerne würde ich dir das Schloss und die Gärten zeigen.“

„Ja bitte. Das wäre schön!“

„Gut dann komm mit mir. Später bringe ich dich dann zu Königin Eowein.“

 

Ich nehme Ba’ats  Arm und folge ihm durch die unendlich vielen, cremeweißen Gänge. Allein würde ich mich hier verlaufen. Wie ich feststellen muss, stehen überall Wachen. Auch vor den anderen silbernen Türen, also kann ich mich hier auch nicht unbemerkt davonstehlen.

Wir gehen schweigend eine lange, gläserne Wendeltreppe herunter, die schließlich mitten in einer Allee von Trauerweiden endet. Direkt hinter der Allee, die an den Rändern von Wildblumen überwuchert ist, die in allen erdenklichen Farben blühen, beginnt der Rosengarten.

Wir setzen uns auf eine der vielen Bänke, die die Form eines Ahornblattes haben.

„Weißt du, Schattenauge, die Trauerweiden sind mir die liebsten Bäume. Schade ist nur ihr Name.“

„Meine sind es auch.“ Ich weiß auch nicht, warum ich das sage, aber irgendwie merke ich, dass dies auch stimmt.

„Kennst du den Dichter Ta’ak?“

„Nein, woher sollte ich?“

„Er war einst ein Mensch, wie du, aber wer lange genug in Sternenland bleibt wird einer von uns. Sogar die Seele kann sich verändern. Er entdeckte die erste Magie und auch die Wichtigste von allen, die Liebe. Er war, oder ist sozusagen, die erste Magie.“

„Das verstehe ich nicht.“

„Brauchst du auch nicht. Die Zeit wird kommen, wo dies alles einen Sinn für dich ergibt, aber ich schweife vom Thema ab. Weißt du, die Trauerweiden waren auch seine Lieblingsbäume. Es heißt, einst waren ihre Blätter in Richtung Himmel geneigt. Erst als sie mitbekamen, wie das erste Herz brach, neigten sich ihre Blätter Richtung Erde. Wahrscheinlich stammt daher auch ihr Name.“

Ein Schauer läuft meinen Nacken herunter. Unwillkürlich muss ich mich schütteln.

„Ja, ihr Name passt zu ihrer Geschichte. Bei uns gibt es auch Trauerweiden.“

„Ich weiß, Schattenauge. Es gibt sie in jeder Welt, in der Leid entsteht. Ich war in so vielen Welten und in keiner habe ich eine Trauerweide gesehen, die ihre Blätter noch in Richtung Himmel streckt. Aber ich möchte dir das Gedicht von Taak erzählen:“

 

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Der letzte Takt

 

Es neigte einst eine Liebende ihren Hals zum Wasser hinab.

Ihre Haut war so weiß, wie am ersten Tag, so weiß wie Morgentau.

Langsam versank sie im tiefen Nass und weiß es wird ihr Abschied sein.

Sie begann zu singen. Ihren letzten Takt über die Trauerweide, wo sie ihr Leben geliebt.

Und sie singt in den schönsten Tönen, die man je gehört, von der Schönheit dieser Welt, die sie unsterblich betört.

Wie eine Liebende, die auf ihren Liebsten trifft, ließ sie sich von Wasser umarmen, bis sie schließlich ins Reich der Nixen sank.

Lautlos senkt die Trauerweide ihre Blätter zu Lanzen herab.

Sie verneigten sich tief vor dieser herrlichen Majestät

und es begannen an diesem Tag die Eisblumen zu blühen.

 

" Es hört sich sehr traurig an und es reimt sich nicht, aber es ist trotzdem  schön."

„Muss sich ein Gedicht immer reimen, Schattenauge? Schnell zur Seite, Schattenauge!“

Mit einem Ruck  schubst mich Ba’at von der Bank und eilt zu mir.

Auf einmal kommen 100 Reiter mit weißen Pferden an uns vorbei gedonnert, ohne auch nur Notiz von uns zu nehmen. Einer von ihnen hat ein verletztes Kind auf dem Arm. So schnell, wie sie da waren sind sie auch wieder weg.

„Ba’at, was sind das für Reiter?“

„Es sind unsere Späher. Sie erkunden alle Teile von Sternenland, um zu schauen, ob die Schatten einen Weg von ihrer Welt in die unsere gefunden haben. Und so wie es aussieht, sind sie leider fündig geworden. Komm schnell, Schattenauge. Wir müssen zum Thronsaal. Wir müssen uns beeilen.“

„Aber Ba’at, was sind die Schatten?“

Doch statt einer Antwort nimmt er mich schroff am Arm und zieht mich hinter sich her. Ich renne, stolpere und falle hin, doch Ba’at zieht mich mühelos wieder hoch. Wie Wahnsinnige rennen wir durch die hellen Gänge. Völlig atemlos und mit Schmerzen in der Brust bleiben wir stehen. Keuchend versuche ich Haltung anzunehmen.

Als ich endlich wieder etwas wahrnehmen kann merke ich, dass mich jemand beobachtet.

Es ist ein etwa 1,90m großer, durchtrainierter Mann. Seine Haut hat einen leichten Silberschimmer. Seine Haare sind so schwarz wie Kohle und zu einem dicken Zopf streng noch hinten geflochten. Sie reichen ihm bis zum Steiß. Seine violetten Augen mustern mich amüsiert. In seiner rechten Hand trägt er ein silbernes, mit Juwelen besetztes Krummschwert. Er trägt eine schwarze Lederhose mit kniehohen, schwarzen Stiefeln. Sein Oberteil ist beige und es sieht aus wie aus dem Mittelalter.

Erst jetzt merke ich, dass sich weitere Personen im Raum befinden. Ich spüre sofort, dass diese Lia da ist und als ich mich umsehe, erkenne ich sie auch sofort. Sie hat ein langes, weißen Kleid an und ihre Haare sind kunstvoll mit Blumen hochgesteckt. Mit einem ironischen Grinsen nickt sie mir zu.

Neben mir sitzt Ba’at. Er begrüßt eine Frau namens Narumi, die barfuss in einem sehr kurzen, blattgrünen, bauchfreien Kleid  herzhaft Ba’ats Hand ergriff. Ihre braunen, kurzen Haare sehen aus  wie getrocknete Erde, die streng nach hinten zurück gekämmt wurde. Um ihre schlanken Hüften hat sie einen Köcher mit Pfeilen gespannt. Ihren großen Bogen hält sie in der linken Hand.

Ganz rechts außen an der Wand steht ein Mann, der so schwarz ist wie die Nacht. Er hat eine Glatze und einen langen, geflochtenen Ziegenbart, der auch schwarz ist, wie alles an ihm, sogar seine Kleidung. Nur seine stahlblauen Augen stachen hervor. An seinen Gürtel hat er unzählige Messer und eine Steinschleuder. Irgendetwas sagt mir, dass sein Volk Bögen und Schwerter als feige ansehen und selbst die Messer, die er an seinem Gürtel trägt, benutzt er nur im äußersten Notfall. Ich glaube er heißt Lait. Ich weiß auch nicht, aber manche Dinge weiß ich einfach.

Alle unterhalten sich angeregt. Irgendwie fühle ich mich fehl am Platz, darum setze ich mich ganz hinten in der Ecke auf eine Bank, in der Hoffnung, dass sie meine Anwesenheit einfach vergessen.

 

Alle reden durcheinander. Ich kann nur einzelne Sätze verstehen. Die Frau, die Ba’at Narumi nennt, hat gerade erzählt, dass die Schatten einen Riss im Tor gefunden haben, dass sie schon in Sternenland sind und die Dörfer am See der tausend Seelen vernichtet haben. Es soll auch keine Überlebenden geben, außer einem Kind, dass die Schatten mit einer Nachricht zu Königin Eowein schickten. Es soll furchtbar gewesen sein. Sie haben die Köpfe der Bewohner abgetrennt und auf Speere gesteckt. Andere haben sie einfach ausgeweidet oder verstümmelt. Sie sollen dabei keinen Unterschied zwischen Frauen, Kindern und Männern gemacht haben. Es soll das reinste Blutbad gewesen sein. Den Rest haben sie in Brand gesteckt. Das sollen ihr die Bäume erzählt haben. Sie sagen auch, dass da, wo die Schatten waren, nichts mehr existiert.

Irgendwie verstehe ich das alles nicht und was geht mich das an? Ich muss zusehen, dass ich bei der nächsten Gelegenheit verschwinde. Wären da bloß nicht die Wachen. Sie weichen mir nicht von der Seite.

Ich versuche die Gespräche auszublenden und schaue mir den Raum, in dem ich sitze, genauer an. Das ist nicht der Thronsaal, auch das weiß ich irgendwie schon wieder. An der Decke sind Planeten und der Sternenhimmel kunstvoll gezeichnet. Die Wände sind auch hier cremefarben und an ihnen hängen lange, silberne Fackeln. In dem weißen Fußboden ist eine Sonne und eine Kriegerin gemeißelt. In der Mitte steht ein großer runder Tisch aus Zedernholz mit sieben aus einem Holz geschnitzten Stühlen.

Sonst ist der Raum leer. Eigentlich schade.

Was man hieraus alles machen könnte...

 

 

Auf einmal sehe ich Ba’at auf mich zukommen.

„Schattenauge, komm setz dich an den Tisch. Gleich kommt Königin Eowein.“

Er muss gemerkt haben, dass ich bei dem Wort Königin zusammen gezuckt bin, denn sofort nimmt er meine Hand und sagt: „ Hab keine Angst! Wir nennen uns alle beim Vornamen, denn in diesem Raum sind wir alle gleich. Komm, setz dich neben mich.“

Als wir uns setzen kommen auch die anderen zu uns. Der Mann mit den violetten Augen sitzt mir gegenüber. Bei den Gesprächen, die ich vorhin mit gehört habe, haben sie den Mann Elias genannt. Es ist mir sehr unangenehm, wie er mich andauernd mustert. Als ich hochgucke schaut er mich ganz unverfroren an, doch diesmal strecke ich mein Kinn etwas nach vorn, nehme eine gerade Haltung ein und starre ihm direkt in seine violetten Augen. Wollen wir mal sehen, wer das länger durchhält!

Plötzlich erklingt ein dröhnendes Lachen.

„Ach Elias. Dass sie Temperament hat wissen wir ja, aber sie hat auch noch Kampfgeist. Verscherz es dir lieber nicht mit Schattenauge. Lass sie in Ruhe!“

„Halt dich da raus, Narumi!“

Immer noch lachend sagt Narumi: „Oh, es tut mir leid, wenn ich dich gekränkt habe, lieber Elias!“ und zwinkert mir dabei zu.

 

In dem Moment betritt Königin Eowein den Raum. So etwas habe ich noch nie gesehen. Sie scheint zu schweben. Ihre tiefblauen, fast schwarzen Augen sehen sehr gütig aus. Ihr kindliches Gesicht wird perfekt von ihrem dicken, weißen Haar eingerahmt. Ihr Körper wirkt fast durchscheinend, mit einem leichten blauen Schimmer. Ihr langes, schwarzes, schulterfreies Kleid bildet einen sehr guten Kontrast zu ihrer Haut. Langsam setzt sie sich zu uns an den Tisch.

„Schön, dass ihr gekommen seid, ihr großen Könige und Königinnen von Sternenland. Eine schlimme Zeit steht uns bevor und ja, die Gerüchte von den Schatten sind wahr. Sie haben wieder einen Weg zu uns gefunden. Ihr müsst losziehen und das Tor verschließen, aber seit euch bewusst, dass es eine lange und gefährliche Reise wird. Nicht jeder wird seine Heimat wiedersehen.

Es liegt bei euch, wer mit Elias ziehen wird. Es ist eure freiwillige Entscheidung. Ich werde derweil mit meinen Kriegern die Schatten, die schon bei uns sind, in Schach halten.

Nun sagt mir, was ihr davon haltet und wer mit Elias gehen möchte. Wer sich entscheidet  die Reise auf sich zu nehmen wird heute noch aufbrechen, denn wir haben keine Zeit zu verlieren.“

Ein langes Schweigen tritt ein. Dann bemerke ich, dass jeder von ihnen einmal kurz, kaum wahrnehmbar, nickt. Schnell schaue ich nach unten. Die sollen mich ja mit allem in Ruhe lassen.

Plötzlich steht Lait auf. Der Mann der Nacht, aus dem Volk der Lamurin, dem Volk der Schwertkünste. Was ich persönlich verwirrend finde, denn er benutzt sein Schwert nur im äußersten Notfall.

Mit tiefer Stimme verkündet er: „Königin Eowein, niemand zweifelt daran, dass du stets die Wahrheit sprichst und daran, das du am Besten weißt, was zu tun ist. Deshalb spreche ich für alle Anwesenden, dass wir alle mit Elias ziehen werden. Aber eine Frage noch. Was für eine Nachricht brachte das Kind?“

„Das Kind ist inzwischen in das Licht gegangen, Lait. Zuvor sagte es mir: ‚Eure Zeit des Leidens ist angebrochen und sie wird lang und qualvoll, denn wo Licht ist wird es auch immer Schatten geben.’ Mehr war es nicht im Stande zu sagen. Nun, da ihr euch entschieden habt, könnt ihr gehen. In zwei Stunden versammelt euch in der großen Trauerweidenallee.

Schattenauge, du bitte bleib bei mir. Wir haben noch einiges zu besprechen.“

Mist, sie hat mich doch bemerkt. Ich muss doch irgendwie aus der Sache rauskommen!

Wortlos beobachte ich, wie sie alle, einer nach dem Anderen, den Raum verlassen.

Ba’at nickt mir noch einmal aufmunternd zu, dann ist er auch verschwunden.

Königin Eowein setzt sich dicht zu mir. Ich wage es nicht, das Schweigen als Erste zu brechen. Schließlich macht sie den Anfang und ihre Stimme ist glockenhell, wie Gesang.

„Schattenauge, ich weiß, dass du verwirrt bist und bestimmt hast du viele Fragen. Einige kann ich beantworten, aber andere... . Nun, es liegt an dir, es herauszufinden. Ich kann dir nur sagen, dass sich alles mit der Zeit klären wird. Auch weiß ich, dass du dich fragst, was dich das angeht. Nun Schattenauge, unsere Welt ist nur die erste Bastion der Schatten. Wenn sie uns vernichtet haben werden andere Welten folgen, bis sie schließlich alle zerstört haben. Dies ist keine Vermutung, denn ich kann teilweise in die Zukunft sehen und die Bilder, die mir die Sterne zeigen, können passieren oder sind bereits passiert. Manche Ereignisse kann man noch aufhalten und du, Schattenauge, musst das Tor verschließen, mit deinem Blut.

Wie viel davon benötigt wird? Vielleicht ist es nur ein Tropfen. Ich aber weiß es nicht. Wenn dies geschehen ist wird Ta’ak, der Tormeister, ein Tor öffnen und dich in deine Welt zurückbringen, wenn du dann noch möchtest. Denn man verändert sich mit der Zeit in Sternenland. Bis du dich entschieden hast, in welcher Welt du am Ende leben möchtest, steht die Zeit in deiner Welt still. Wenn du zurückkehrst wirst du keine Erinnerungen mehr an Sternenland haben. Es wird sein, als ob du nie weg warst. Aber entscheidest du dich am Ende doch für unsere Welt, wird es in deiner Welt so sein, als ob du nie existiert hast.

Leider, Schattenauge, hast du keine Wahl. Du musst mit uns kommen, es sei denn, dir sind die vielen Milliarden Leben auf den vielen Planeten egal.

Selbst wenn dies der Fall ist muss ich dir leider sagen, dass wir Mittel kennen, wie wir dich unbeschadet außer Kraft setzen können, um dich zum Tor zu bringen.

Ebenso weiß ich, dass du mich für all dies hassen wirst, auch wenn ich es schade finde. Unter anderen Umständen wären wir gute Freundinnen, vielleicht auch mehr, geworden. Denn ich bin, auch wenn es dir nichts sagen wird, die, die man auch Mutter des Lichts nennt.

Eines möchte ich dir, mein liebes Kind, mit auf den Weg geben. Nicht Denken, sondern Handeln. Höre stets auf dein Gefühl und prüfe genau, was deine Augen dir zeigen.

Draußen wartet Elias. Er wird dich zu deinem Zimmer geleiten. Dort liegen schon Sachen für dich bereit. Wenn du sie angelegt hast, folge Elias in die Trauerweidenallee.

Noch was. Sei dir stets meiner immerwährenden Liebe bewusst und halte dich an Elias, Narumi und Ba’at.

Jetzt geh! Es fehlt uns an Zeit!“

 

Mit einem tiefen Nicken gibt sie mir zu verstehen, dass ich ohne ein weiteres Wort gehen soll. Also stehe ich auf und gehe. In meinem Kopf schwirrt alles. Ich kann im Moment nicht darüber nachdenken und draußen wartet auch noch Elias. Warum soll ich mich gerade an ihn halten? Er ist verschlossen und macht sich lustig über mich!

Ich atme einmal tief durch und trete draußen an Elias’ Seite.

 

Wortlos gehen wir zu meinem Zimmer. Elias wartet draußen, während ich die enge Hose aus leichtem, moosgrünem Stoff anziehe. Dazu die gleichen schwarzen, kniehohen Lederstiefel, wie Elias sie trägt. Mein Oberteil, wenn man es so nennen kann, ist eine aus Leder bestehende, auch moosgrüne Korsage mit einem dicken, schwarzen Gürtel, an dem ein langes, schwarzes Krummschwert befestigt ist. Die Klinge scheint aus schwarzem Glas zu sein. Vorsichtig stecke ich das Schwert in den Gürtel zurück. Dazu lege ich einen langen, silbergrauen, aus schwerem Stoff gewebten Umhang an.

Ich weiß, dass dies meine Sachen sind. Sie gehören zu mir, sind ein Teil von mir.

Stolz trete ich Elias entgegen und sein bewundernder Blick bleibt mir nicht unbemerkt.

Immer noch schweigend gehen wir die lange, geschwungene Glastreppe hinunter, die ich vor ein paar Stunden erst mit Ba’at gegangen bin und die direkt in der Trauerweidenallee endet. Als wir unten in der Allee ankommen, habe ich das Gefühl, dass alle Augenpaare auf mich gerichtet sind. Wie ferngesteuert gehe ich auf den schwarzen Hengst  zu, sitze auf, streiche über die lange, dichte Mähne und sage:

„Nachtwind, wie schön dich wieder zu sehen.“

Mit einem lauten Wiehern gibt er mir zu verstehen, dass auch er sich freut.

 

Ohne noch einmal zurückzublicken reiten wir los durch die endlosen Lavendelfelder.

Vorn weg reiten Narumi und Lait. Hinter ihnen Lia und in der Mitte Elias und ich. Den Abschluss bildet Ba’at, der dicht hinter uns reitet.


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